Evolutionsbedingt ist unser Gehirn so getrimmt, dass es sich Probleme, Katastrophen und Verletzungen – sprich, alles, was uns Angst bereitet – viel leichter und intensiver merkt als alles Gute, das wir in unserem Leben erfahren. Woran das liegt?

Um in der Steinzeit zu überleben war es notwendig Gefahren frühzeitig zu bemerken. Wir haben gelernt, Muster abzuspeichern, und unser Nervensystem trainiert sofort Alarm zu schlagen, wenn dieses Muster erkannt wird. Gute Erfahrungen hingegen waren bei weitem nicht so überlebenswichtig und wurden entsprechend in anderen Arealen des Gehirns gespeichert, die langsamer zugänglich sind.

Daher fällt es uns sehr leicht, in negative oder problemorientierte Denkweisen zu rutschen, die uns dann schnell immer weiter runterziehen können. Je mehr wir diese Gedankengänge zulassen, desto negativer wird unsere Grundhaltung. Wenn wir aktiv beschließen, diesen Kreislauf zu unterbrechen und anstatt dessen versuchen, uns zum Großteil unserer Gedanken mit Positivem zu beschäftigen, fallen die wenigen negativen Gedanken nicht mehr so ins Gewicht.

Ein Spruch von Charles Reade (1814-1884) ist in diesem Sinne ein Leitsatz unserer Arbeit geworden:

Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte.

Achte auf Deine Worte, denn sie werden Handlungen.

Achte auf Deine Handlungen, denn sie werden Gewohnheiten.

Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter.

Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal.

 

„Wie funktioniert das nun? Es passiert doch einfach ständig etwas Negatives?!“ fragst Du Dich vielleicht gerade.

Das kommt darauf an wie wir die Situation betrachten bzw. mit welchem Anteil der Situation wir uns zum Großteil aufhalten und wie wir diese bewerten. Ein Beispiel:

Meine Tochter hatte kürzlich einen bunten Tag – morgens startete sie mit einem gemütlichen Frühstück, bei dem schon viel gelacht wurde. Anschließend durfte sie ihr Buch lesen, das sie zu Weihnachten bekommen hatte. Nachmittags war sie mit ihren Geschwistern beim Schlittenfahren und hatte da ebenfalls viel Spaß. Es gab den ganzen Tag keine Minute, in der sie geweint hätte, wütend oder traurig war. Kurz vorm ins Bett gehen kam dann doch noch ein Mini-Zwist mit ihrer Schwester, bei dem es darum ging, dass ihrem Gefühl nach die Kleinere „immer mit allem“ durch kam, während sie selbst „immer sofort“ Ärger bekommen würde. Als wir wenig später im Bett unser Ritual „Was war heute doof und was war besonders gut/schön/lustig…?“ durchführten, bewertete sie den Tag so:

  1. Das Gefühl der Ungleichbehandlung wurde von Minute zu Minute zum größeren Problem, obwohl es nur um eine Kleinigkeit ging und sie außer Acht ließ, dass sie 2 Jahre älter und entsprechend weiser sein sollte. Ihr System sagte ihr wohl „Vorsicht, wenn Du mal richtig Mist baust, dann wirst Du viel härter bestraft. Da musst Du für die Zukunft vorbauen, um das abzufedern.“ oder ähnliches.

 

  1. Plötzlich wurden wieder alte Geschichten hochgezogen, die längst geklärt und abgehakt sein sollten. Ihr Gefühl ungerecht behandelt zu werden wurde immer stärker und schließlich weinte sie bittere, schmerzerfüllte Tränen, sie sei das „ungeliebteste Kind der Familie“.

 

  1. Heute war NICHTS schön! (sie fand plötzlich, dass beim Frühstück ihr Lieblingsschinken gefehlt hatte, Lesen hasst sie eigentlich sowieso und sie hätte das nur gemacht, damit sie abends nicht mehr lesen muss, beim Schlittenfahren durften die Geschwister viel öfter fahren als sie). Sie fand in jeder Suppe ein Haar und machte sich auf diese Weise den Tag, den sie bis zum kleinen Streit genossen hatten, selbst madig. Keine der gerade genannten Beschwerden waren zuvor auch nur erwähnenswert für sie gewesen, geschweige denn ein Problem gewesen.

 

Und das alles aus einer 2-minütigen Situation am Ende eines bis dahin tollen Tages! Als Mutter saß ich da und lief selbst Gefahr, in Traurigkeit zu versinken. Wie konnte so ein schöner Tag mit so einer Kleinigkeit so zerstört werden? Ich hab doch alles getan, um den Kindern einen fröhlichen Tag zu bereiten?! Ich versuche doch immer fair zu sein! Ich hab nicht mal geschimpft als….

Um dann nicht traurig zu werden, schlägt dieses Gefühl schließlich auch gern mal in Wut oder Sarkasmus um. Kennst Du das auch? Diesen Frust mit einer Mischung aus Erschöpfung und Ratlosigkeit, bei dem Du Sachen sagst, bei denen Du im Aussprechen schon weißt, dass sie gerade überhaupt nicht hilfreich für das Kind sind? Und noch schlimmer – bei denen Du merkst, dass Du gerade vorlebst, was Du Deinem Kind eigentlich austreiben möchtest?!

Spätestens hier ist es wichtig, bewusst einen STOP einzulegen. Einfach abzubrechen, sich und dem anderen einzugestehen, dass wir uns gerade verrannt haben und vorzuschlagen noch mal neu zu starten.

Und hier beginnt die Lösungsorientierung. Ich gehe in diesem Moment nicht mehr auf das Problem ein. Ich fokussiere mich darauf, was wir in Zukunft anders machen können oder wie wir die aktuelle Situation noch so wandeln können, dass sie für alle Seiten akzeptabel wird.

Wenn ich mich auf die Lösung konzentriere, kann ich anfangen wieder konstruktiv zu denken, denn dann gestalte ich buchstäblich meine Zukunft aktiv.

„Aber wie mache ich das? Wenn ich in solchen Situationen bin, dreh ich mich meist im Kreis oder ich bin so frustriert, dass mir nichts mehr einfällt.“ werde ich dann häufig von Klienten gefragt.

Hier gibt es eine Reihe an verschiedenen Techniken, die zum Teil sehr einfach umsetzbar sind. Wenn ich mir diese als Anker einpräge und in solchen vermeintlichen Sackgassen-Situationen wie eine Liste im Kopf durchgehe, finde ich mit Sicherheit eine der Techniken, die in meiner Situation hilfreich ist, um wieder einen Schritt weiter zu kommen und damit aus der Problemspirale heraus zu steigen.

Hier ein paar Beispiele:

  1. (Einfacher) Perspektivwechsel

Manchmal hilft es schon, einfach eine kleine Veränderung des Blickwinkels vorzunehmen, um das Gegenüber besser zu verstehen, direkt eine Idee für eine Lösung zu finden oder mehr Klarheit zu erlangen. Das kann wortwörtlich gemeint sein, aber natürlich auch bildlich. [mehr]

 

  1. Zirkuläres Fragen

Wenn ich einen Konflikt mit einer anderen Person habe, versuche ich, mich in die andere Person hinein zu versetzen. Ich versuche, ihre Gedanken und Gefühle nachzuvollziehen und somit mehr Verständnis (damit ist nicht gleichzeitig EINverständnis gemeint!) zu erlangen wie es zur aktuellen Situation kommen konnte und wie sich eine Lösung finden lässt.

 

  1. Die Wunderfrage

Ich stelle mir vor: Ich wache morgen früh und das Problem ist wie bei einem Wunder plötzlich gelöst ohne dass ich es mitbekommen habe. Woran merke ich, dass es gelöst ist? Wo/wie würde ich das spüren? Wer würde es sonst noch merken und woran?

 

  1. Paradoxe Aufgaben (/Interventionen)

Diese Aufgabe ist etwas schwieriger für sich selbst, aber auch das habe ich schon erfolgreich ausprobiert und auch schon positives Feedback dazu von Klienten erhalten. Hier verstärke ich die unerwünschte Haltung bzw. das Verhalten, um es ad absurdum zu treiben. Eine Familie beklagt sich zum Beispiel, dass sie bei jedem Abendessen streiten und sich gegenseitig anschreien. Die paradoxe Aufgabe wäre, dass sie bei den nächsten Abendessen sich ausschließlich gegenseitig anschreien dürfen. Kein normales Wort dürfe gewechselt werden.

 

  1. Reframing

Wir sehen Probleme in der Regel in einem bestimmten Kontext. Dieser macht es uns manchmal schwer, eine gute Lösung zu finden. Wenn wir diesen Kontext auflösen bzw. den Rahmen (engl.: frame) verändern – also vergrößern, verkleinern oder verschieben – wird unser Blickwinkel auf das Problem ebenfalls verändert und kann neue Lösungsansätze triggern.

 

Um die Klammer zu meinem Ursprungsbeispiel des ruinierten Tages meiner Tochter zu schließen, hat es ihr geholfen zufrieden einzuschlafen, indem wir nach diesem harten Cut der Diskussionen uns die Regel aufgesetzt haben, nur noch nach Dingen zu suchen, die an diesem Tag gut waren. Und wenn sie noch so klein waren. Anfangs hatte sie darauf gar keine Lust und war noch zu eingeschränkt in ihren Emotionen und Gedanken. Also fing ich an zu erzählen, was mir Positives aufgefallen und widerfahren war. Mit der Zeit hellten sich auch die Augen meiner Tochter langsam wieder auf und so fing sie an zuzulassen, ein paar winzige Dinge des Tages im Licht einer schönen Erinnerung zu sehen. An diesem Abend beschlossen wir, unser Ritual eine Weile zu ändern. Tagsüber wäre genug Zeit, um sich Ärger, Sorgen und Traurigkeit von der Seele zu reden. Abends im Bett würden wir ausschließlich über die schönen Dinge des Tages sprechen und uns ab nun überlegen, worauf wir uns für den nächsten Tag freuten.  So hat sie den Grundstein für eine neue Art zu Denken und zu Fühlen gelegt.

FLUX Zeit fuer Wandel