„Systemik“ oder „der systemische Ansatz“ ist in Berufsbereichen, die mit Menschen zu tun haben, heute ein viel gebrauchter Begriff. Aber was bedeutet das eigentlich? Und wie ist dieser Ansatz überhaupt entstanden? Ist dieser Ansatz denn auch wirklich wirksam? Darum geht es in diesem Artikel heute.


Der systemische Ansatz

Systemik bedeutet, dass nicht nur das Problem des Klienten isoliert betrachtet wird, sondern das ganze soziale System, in dem er verankert ist. Das kann die Familie sein, aber auch die Arbeitskollegen, Freunde, Menschen aus Vereinen, denen man angehört, Nachbarn oder andere Gruppen, die das Leben des Betroffenen beeinflussen. Dies entsteht aus zwei Grundannahmen:

  1. Das soziale System – oder auch die sozialen Systeme, denn oft handelt es sich um mehrere Teilsysteme gleichzeitig – hat großen Einfluss auf die (Nicht)-Handlungsweise des Klienten. Das heißt, dass nicht der Klient als Individuum defizitär ist, sondern das System als solches krankt.
  2. Wenn das System an einer Stelle, egal wo, in Bewegung gebracht wird, müssen sich alle anderen Teile mitbewegen – wie bei einem Mobile.

Wo also in der klassischen Psychoanalyse und Gesprächstherapie psychische Störungen nach ICD (International Classification of Diseases) oder DSM (Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders) für das Individuum diagnostiziert werden, lehnt die Systemik dieses Schubladendenken ab. Das Wort „Krankheit“ als Bezeichnung des Problems wird als unangebracht empfunden für Erscheinungen, die mit den sozialen Gegebenheiten und Prozessen des/der Klienten offensichtlich eng verbunden sind.

Viel mehr sieht die Systemik diese Symptome als Hilfsmittel, die sich die Psyche und/oder der Körper des Individuums zu Nutze gemacht hat, um in einem sozialen Gefüge zu einem bestimmten Zeitpunkt oder -raum zu überleben. Ob und, wenn ja, wann dieses Hilfsmittel in der aktuellen Situation noch zweckdienlich ist bzw. ob Nutzen oder Schaden überwiegen, wird deshalb in diesem Denksystem genauer betrachtet.

So viel zur Systemik als solche. Wenn wir von systemischer Beratung oder Therapie sprechen, dann meinen wir heute zusätzlich zu dieser Basis jedoch meist auch, dass wir:

  1. lösungsorientiert anstatt problemorientiert arbeiten.
  2. über Sprache Impulse geben, die Veränderung anstoßen können. Ein paar Begriffe hierzu sind z.B. Zirkuläres Fragen, die Wunderfrage, Paradoxe Aufgaben oder Perspektivwechsel bzw. Positive Formulierung und Refraiming
  3. ressourcenorientiert anstatt defizitorientiert in die Vergangenheit blicken
  4. mit allen Sinnen arbeiten – VAKOG
  5. glauben, dass jeder die beste Lösung für sich bereits in sich trägt und der Berater/Therapeut nur hilft, diese heraus zu kitzeln.

Geschichte der Systemik

Zunächst sei gesagt, dass es nicht den einen Vater oder die eine Mutter der Systemik gibt. Vielmehr ist sie aus einer Mehrzahl an Ansätzen enstanden, die sich ergänzten und immer weiter entwickelt wurden.

Eigentlich hatte bereits Johann Heinrich Lambert im 18. Jahrhundert den Grundstock der Systemik gelegt als er von „internen Gleichgewichten“ und „Ausgleichsbewegungen“ schrieb. Ihm ging es hier um den biologischen Organismus, den er als System vereinfachte, in dem keines der Einzelteile die alleinige Herrschaft über die anderen hat (z.B. Herz über Lunge). Anstatt dessen sah er diese in steter Wechselwirkung zueinander und erkannte, dass die Kraft des Ganzen mehr war als die Summe ihrer Einzelteile. Auch wenn diese Überlegungen noch frei von dem Wunsch waren, eine Systemtheorie zu entwickeln, bildeten sie doch bereits die Basis für die Theorieansätze des 20. Jahrhunderts.

Wer sich in die Tiefen der Systemtheorie und der Kybernetik einlesen möchte, findet bei Volker Hepp einen guten Überblick.

Ein erheblicher Teil des Ursprungs lässt sich jedoch in der Familientherapie finden. Bis Ende der 1940-er Jahre war Therapie eine klare 1:1 Beziehung zwischen Therapeut und Klient. Doch Anfang der 50-er Jahre entwickelten sich in Italien und den USA zwei große Wissens- und Erfahrungszentren für die systemische Therapie und Beratung.

Als nach dem Koreakrieg viele Veteranen in den USA Therapie benötigten, erfuhren die Therapeuten mehr und mehr, dass viele der Probleme, die sie in der Klinik im isolierten Zustand als geheilt ansahen, nach kurzer Zeit wieder auftraten als die Klienten zurück im gewohnten Umfeld waren. Man bemerkte immer mehr, dass die auftretenden Symptome stark mit den Systemstrukturen des sozialen Umfelds zusammenhingen und dass die anderen Mitglieder des Systems ebenfalls Unterstützung bei der Bewältigung der Veränderungen, die durch die Erfahrungen des Klienten aufgetreten waren, gebrauchen konnten.

(Dazu kam, dass mit dem kurz darauf folgenden Vietnamkrieg noch mehr Bedarf an Therapie entstand, aber im Verhältnis nur wenige Therapeuten ausgebildet waren, was die Bewegung der Nutzung von Gruppentherapieverfahren ebenfalls unterstützte.)

Nachdem die Probleme der Klienten nicht mehr als  persönliche Defizite des Einzelnen, sondern als Produkt seines sozialen Systems betrachtet wurden, entstanden aus diesem Wandel der Sichtweise so gravierende Veränderungen der individuellen Klientensituationen, dass Thomas S. Kuhn diese neue Herangehensweise 1962 sogar als „Paradigmenwechsel“ – als eine Veränderung der Weltanschauung – bezeichnete.

Ein Zentrum der praktischen Erfahrung und wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit der Wirkung von systemorientierten Praktiken war in Palo Alto (Kalifornien) im „Mental Research Institute“. Die wichtigsten Namen, die im Zusammenhang mit der systemischen Familientherapie und Beratung aus diesem Zentrum kamen, sind Paul Watzlawick und Virginia Satir.

Paul Watzlawick, ein österreichischer Kommunikationswissenschaftler und Psychotherapeut, prägte mit seinen Kollegen  Janet H. Beavin und Don D. Jackson, den Satz „Man kann nicht nicht kommunizieren.“ Außerdem stellte er fest, dass jede Kommunikation sowohl eine Inhalts- als auch eine Beziehungskomponente besitzt und dass der soziale Kontext eine wichtige Rolle dabei spielt. Die Beziehungskomponente erkannte er als gewichtiger als die Inhaltsebene für das Gelingen der Kommunikation.

Ein weiterer wichtiger Begriff in Zusammenhang mit Paul Watzlawick ist der Konstruktivismus – die Idee, dass vieles, was wir als richtig und wahr anerkennen, eigentlich nur eine konstruierte Wahrheit ist, die wir aus unserem kulturellen, sozialen, ökonomischen, politischen etc.  Kontext als „wahr“ oder „richtig“ verstehen. Dieses neue Verständnis von „Wahrheit“ veränderte die Sichtweise auf Systeme erneut. Diese wurden nun nicht mehr als objektiv wahr, sondern als „in diesem Konstrukt wahr“ betrachtet. „Ein System ist nicht ein Etwas, das sich einem Beobachter präsentiert, es ist ein Etwas, das von ihm erkannt wird.“ (Maturana) Also auch der Therapeut unterliegt subjektiven Konstruktionen was an einem System „richtig“ oder „falsch“ ist.

„Therapie wurde weniger als eine Möglichkeit gesehen, Menschen zu verändern, sondern vielmehr als ein Rahmen, der es ermöglicht einen Kontext zu schaffen, in dem Veränderung auftreten kann.“ [1] (Autor leider unbekannt,  den Link zum Dokument auf der Seite des schweizer Systemis Verbands findest Du hier.)Der Therapeut ist also kein Berater mehr, sondern ein Rahmen- und Impulsgeber, der sich über seine eigenen Konstruktionen bewusst sein sollte. Auch Luigi Boscolo und Gianfranco Cecchin, die der Mailänder Schule um Selvini Piazzolo angehörten, waren in dieser Bewegung, auf die ich gleich noch zurück kommen werde, maßgebend.

Virginia Satir wird als die Mutter der systemischen Familientherapie gefeiert. Sie war eine sehr erfahrene, amerikanische Psychotherapeutin, die viel mit Familien arbeitete. Ihre Überzeugung war, dass jede Familie Mechanismen in sich trägt, die sogenannte „Selbstheilungskräfte“ erzeugen, wodurch eine dauerhafte therapeutische Unterstützung unnötig würde    . Außerdem sah sie sich das Verhalten jedes einzelnen Familienmitglieds und das Zusammenspiel der einzelnen Aktionen und Reaktion an, anstatt sich isoliert mit einer Person zu beschäftigen. Dazu erfand sie auch die Familienskulptur, bei der sich die Klienten so zueinander aufstellen wie es symbolisch zur aktuellen bzw. Wunsch-Situation passt. Die Familienrekonstruktion ist ebenfalls eine Methode, die Virginia Satir erfand, um generationen-alte Glaubenssätze, Traumata und Konflikte aufzuklären und aufzulösen. Auch für die Parts Party wurde sie berühmt, mit der sie die inneren Widersprüche, die ein Klient in sich trug, auf einer Bühne mit Schauspielern (meist weitere Teilnehmer aus der Gruppentherapiegruppe des Klienten) externalisiert.

„Während all diese Methoden in den USA gediehen, entwickelte Mara Selvi Palazzoli mit ihrem Team in Italien das „Mailänder Modell“. Dieses Verfahren schrieb vor, dass zwei Therapeuten mit den Klienten im Raum arbeiten und zwei weitere die Arbeit durch einen Einwegspiegel oder über Kamera beobachten. Die Beobachter und Therapeuten unterbrechen die Session je nach persönlichem Bedarf, um mit dem anderen Kleinteam Rücksprache zu halten wie weiter vorgegangen werden soll, ohne die Klienten mit einzubinden. Dieses Modell ist sehr aufwändig und ist in der Umsetzung u.a. deshalb nicht mehr so beliebt wie noch in den 70-er Jahren. Dennoch blieben aus dieser Schule einige Teile wie das zirkuläre Fragen, die Hypothesenbildung oder die paradoxe Verschreibung bestehen, die heute fester Bestandteil der systemischen Arbeit sind. Reger Austausch mit den Kollegen aus Palo Alto (besonders über Paul Watzlawick) half, dass sich die beiden Schulen gegenseitig immer wieder befruchteten.

In den 60-er und 70-er Jahren goss Salvador Minuchin, ein argentinischer Kinderarzt und Psychiater, seine Erfahrungen in das sogenannte „strukturelle Modell“. Er hatte viel mit Familien aus verschiedenen Kultur- und Sozialkreisen gearbeitet und sein System schwerpunktmäßig nach Grenzen und Hierarchien aufgebaut. Diese Oberbegriffe wurden dann wiederum in Subsysteme und Unterhierarchien aufgeteilt. So wurde z.B. betrachtet, ob es klare Grenzen zwischen Eltern und Kindern oder von älteren zu jüngeren Geschwistern gibt (z.B. welche Privilegien sie haben oder welche Sprache sie miteinander benutzen) oder ob es etwa „heimliche Koalitionen“ gibt (z.B. Mutter und Tochter, der Vater ist ausgeschlossen). Diese Konzepte dienten zur Vereinfachung der Komplexität der Familiendynamik. Herrschte hier ein Bruch oder eine Verschiebung, musste diese wieder hergestellt werden. Dieses Denkmodell ist stark eingeschränkt durch seine strikte Sichtweise, weswegen es heute meist nur noch als zusätzliches Rahmenwerk zur Hilfe genommen wird.

Friedemann Schulz von Thun, ein deutscher Psychologe und Pädagoge, wurde in den 80-er und 90-er Jahren u.a. bekannt für seine Konzepte des Inneren Teams und des sogenannten Kommunikationsquadrats. Das Modell des Inneren Teams wird in der Systemik heute weit verbreitet genutzt, um das innere System eines Klienten zu betrachten, indem seine Persönlichkeitsanteile personifiziert werden. Beim Kommunikationsquadrat handelt sich um die Annahme, dass eine Botschaft, die von einer Person ausgesendet wird, nicht nur zwei Ebenen (wie bei Watzlawick), sondern vier Ebenen hat: Sachebene, Beziehungsebene, Selbstoffenbarung und Appell.

Zuletzt sei der lösungsorientierte Ansatz von Steve de Shazer und seiner Frau Insoo Kim Berg genannt. Dieser besagt, dass es besser ist sich direkt mit den Lösungsmöglichkeiten, also den zur Verfügung stehenden Ressourcen, Zielen und Wünschen der Klienten zu befassen als das Problem zu beleuchten. Dinge und Situationen, die einen positiven Unterschied machen, werden aufgedeckt und verstärkt.

All diese, und noch einige mehr, Denk- und Arbeitsansätze formten über die Jahrzehnte den Systemischen Ansatz, den wir heute praktizieren. Von speziellen Methoden wie dem Münchner Lebensflussmodell von Peter Nemetschek oder der systemischen Hypnotherapie, die stark durch Milton Ericsons Hypnosetherapie beeinflusst, von Gunter Schmidt entwickelt wurde, habe ich in diesem Artikel zum Beispiel noch gar nicht geschrieben und die Bedeutung von Sprache ist ebenfalls noch zu kurz gekommen. Doch die Evolution der Systemik ist noch lange nicht am Ende ihrer Entfaltung. Neue Erkenntnisse und die Weiterentwicklung von Methoden und Konzepten werden auch die nächsten Jahrzehnte die Geschichte der systemischen Beratung und Therapie bereichern.

 

Wirksamkeit und Akzeptanz des systemischen Ansatzes

Vorsicht, Spoiler, ich nehme das Ergebnis gleich vornweg! Zahlreiche Studien über die letzten 50 Jahre belegen die Wirksamkeit des systemischen Ansatzes für viele Krankheitsbilder.

Ouch! Nun hab ich das Unwort „Krankheitsbild“ doch geschrieben. Warum?

Es ist nämlich so, dass nach den Richtlinien des Wissenschaftlichen Beirats Psychotherapie (WBP) in Deutschland die Königsdisziplin der Beweislegung einer wissenschaftlichen Arbeit im RCT-Verfahren liegt. RCT heißt Randomized-Controlled Trial und das wiederum heißt, dass eine Studien so strukturiert wird, dass Klienten oder Patienten mit dem gleichen Krankheitsbild durch ein Zufallsprinzip in unterschiedliche Test-Gruppen eingeteilt werden und nach Gruppe unterschiedlich behandelt werden, um anschließend einen direkten Vergleich zwischen den zwei oder mehr Therapieverfahren ziehen zu können.

All die Psychologen, Psychotherapeuten, Sprachwissenschaftler, Ärzte und Wissenschaftler aus anderen Fachbereichen, die ich im Abschnitt Geschichte der Systemik namentlich genannt habe, waren bzw. sind anerkannte Wissenschaftler, die ihre Theorien mit Studien und Praxiserfahrung belegten. 1999 wurde daher zum ersten Mal beim WBP beantragt, die systemische Therapie als wissenschaftliches Psychotherapieverfahren anzuerkennen. Dies wurde abgewiesen, unter anderem weil viele dieser Studien nicht anerkannt wurden, da sie diesem WBP-Standard nicht entsprachen.

„Während damals nur acht Studien zu systemischen Erwachsenentherapie und 19 Studien zur systemischen Kinder- und Jugendpsychotherapie vorgelegt werden konnten (von denen nicht alle störungsspezifisch und mit randomisierten/ parallelisierten Kontrollgruppen sind), sind es nun 33 Studien zur Erwachsenen- und 50 Studien zur Kinder- und Jugendlichentherapie.“[2] (Dieser Stand ist von etwa 2014. Inzwischen gibt es noch deutlich mehr Studien.)

„27 davon waren erfolgreich und belegen, dass systemische Therapie/ Familientherapie wirksamer ist als keine oder eine medizinische Standardbehandlung oder aber ebenso oder stärker wirksam ist als etablierte Behandlungsverfahren (z.B. kognitive Verhaltenstherapie, Psychodynamische Therapie, Antidepressiva) bei:

Depressionen, Essstörungen, Somatischen Krankheiten (in Kombination mit medizinischer Routinebehandlung), Substanzstörungen und Schizophrenen Störungen.“,[3]

Für Kinder und Jugendliche konnten sogar 44 Studien erfolgreich „[…]belegen, dass systemische Therapie/ Familientherapie wirksam ist bei Depressionen und Suizidalität, Essstörungen, psychischen und sozialen Faktoren bei somatischen Krankheiten, Störungen des Sozialverhaltens, hyperkinetischen Störungen und Substanzstörungen.

Bei bestimmten Störungen ist systemische Therapie/ Familientherapie sogar das international am häufigsten evaluierte und erfolgreichste Verfahren, nämlich bei Störungen des Sozialverhaltens und jugendlicher Delinquenz, Substanzstörungen, Essstörungen, psychischen Faktoren und Verhaltenseinflüssen bei Asthma im Kindes- und Jugendalter.“[4]

In der Welt der gesetzlichen Krankenkassen gab es bis Ende 2018 lediglich drei Therapieansätze die allgemein akzeptiert und bezahlt wurden: Die (kognitive) Verhaltenstherapie, die tiefenpsychologisch fundierte Therapie und die psychoanalytische Therapie. Bei Indikation einer posttraumatischen Belastungsstörung (PTBS) gilt seit 2015 auch EMDR (Eye Movement Desensitization and Reprocessing) als Richtlinienverfahren.

Im November 2018 wurde die Systemische Therapie endlich als viertes Richtlinienverfahren anerkannt, weil die oben genannten Studien ausreichend belegen konnten, dass diese Form der Therapie wirksam ist. Es dauerte jedoch noch bis 1. Juli 2020 bis die Systemische Therapie in den Leistungskatalog der gesetzlichen Krankenversicherungen aufgenommen wurde.

Besonders für die folgenden Krankheitsbilder wird nun auch die Systemische Therapie empfohlen:

Angststörungen und Zwangsstörungen, Unipolare depressive Störungen, Schizophrenie, Substanzkonsumstörungen, Essstörungen [5]

Puh, das war nun etwas trockener Stoff, aber auch der ist wichtig und gehört dazu. Denn auch, wenn eine der schönsten Eigenschaften der Systemik ist, dass sie nicht in Krankheits-Schubladen denkt, ist es doch notwendig anzuerkennen, dass es psychische Krankheiten gibt und diese auch konkret behandelt werden können bzw. müssen.

 

Unsere Haltung zum systemischen Ansatz

Zum Abschluss dieses Artikels sei gesagt, dass die systemische Therapie und Beratung neben ihrer Wirksamkeit an sich noch drei entscheidende Vorteile mit sich bringt.

Erstens sind die Verfahren in der Regel auf sehr viel kürzere Dauer angelegt als z.B. eine tiefenpsychologische Therapie. Die meisten Anliegen von Klienten lassen sich mit 5-12 Sitzungen beheben, selbst in schweren Fällen übersteigt die Anzahl in der Regel 25 Sitzungen nicht. Unterm Strich ist dieser Ansatz also deutlich kostengünstiger und zeitlich effizienter als andere Ansätze, was sowohl Krankenkassen als auch Klienten freuen dürfte.

Zweitens bezieht der systemische Ansatz auch andere Mitglieder des Klientensystems mit ein und die Erfahrung zeigt, dass dies auch bei diesen Menschen oft zu Entlastung, Klarheit und einer besseren Lebenssituation führt.

Drittens bedeutet systemische Therapie oder Beratung, dass die Klienten schnell ins Tun kommen, also nicht nur über ihre Probleme sprechen, sondern (zumindest symbolisch) sofort beginnen, aktiv etwas zu tun. Für viele Klienten, die nicht so redefreudig oder redegewandt sind, ist das eine immense Erleichterung, denn vieles lässt sich ohne Worte fast besser ausdrücken als mit.

So ist der Einsatz von systemischen Methoden in sozioökonomischen Randgruppen und bei der Arbeit mit Ausländern, die Schwierigkeiten mit der deutschen Sprache haben, eine beliebte Möglichkeit mit diesen Menschen in Kontakt zu treten und an ihren Themen zu arbeiten.

Besonders im sozialpädagogischen Bereich ist eine systemische Fort- oder Weiterbildung schon lange selbstverständlicher Bestandteil einer gut ausgebildeten Fachkraft.

Auch wir haben uns intensiv mit verschiedenen Methoden und Ansätzen aus dem Systemik-Koffer auseinandergesetzt, vertiefende Aus- und Weiterbildungen besucht und mit der Zeit unseren eigenen Stil daraus entwickelt.

Immer wieder sind wir fasziniert und begeistert, was diese – oft kleinen, einfachen – Methoden für große Wirkung haben können und sind überzeugt, dass dieses Rahmenwerk für die meisten Probleme, mit denen Klienten zu uns kommen, der effizienteste Weg, um wieder auf einen guten Weg zu kommen. Nicht jede Methode ist für jeden Klienten und jedes Problem geeignet und so hat natürlich auch die Systemik ihre Grenzen. Wichtig sind in meinen Augen drei Dinge, um eine gute Basis für die gemeinsame Arbeit zu schaffen:

  1. Der Klient ist offen dafür, alle seine Sinne einzusetzen und findet auch Zugang dazu.
  2. Problem und Methode bzw. Ansatz passen zusammen.
  3. Berater/Therapeut/Coach und Klient passen zueinander.

Nun habe ich vor allem viel über Therapie und Familientherapie geschrieben. Wie ist das mit dem Coaching? Was in der Therapie funktioniert, klappt in der Regel auch im Coaching. 😉 Einen Artikel zum Unterschied zwischen Therapie und Coaching habe ich Euch auch schon geschrieben. Den findest Du hier.

Eines möchte ich nochmals betonen. Auch wenn eine der schönsten Eigenschaften der Systemik ist, dass sie nicht in Krankheits-Schubladen denkt, ist es doch notwendig anzuerkennen, dass es psychische Krankheiten gibt und diese auch konkret behandelt werden müssen. Daher gilt es immer abzuwägen, was man sich und dem Klienten zutraut, was das Gesetz vorschreibt und ob der systemische Ansatz für das jeweilige Anliegen wirklich gut geeignet ist.

 

 

[1] Geschäftsstelle Systemis, systemis.ch, https://www.systemis.ch/fileadmin/img/content/PDFs/Entstehungsgeschichte_systemischen_Therapie_und_Beratung_d.pdf, Stand: 01.11.2020

[2]+[3]  Jochen Schweitzer, Arist von Schlippe, Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II: Das störungsspezifische Wissen, S.37, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co KG, 2015

[4] Jochen Schweitzer, Arist von Schlippe, Lehrbuch der systemischen Therapie und Beratung II: Das störungsspezifische Wissen, S.38, Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co KG, 2015

[5] Therapie.de, Systemische Therapie – Eine gestörte Psyche ist Ausdruck eines gestörten Systems, https://www.therapie.de/psyche/info/index/therapie/systemische-therapie/, Stand: 04.11.2020

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